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Simultanerfassung und Rechenschwäche

Inhalt:

Simultanerfassung

Als visuelle Simultanerfassung bezeichnet man die erstaunliche Fähigkeit, die Anzahl von mehreren Dingen auf einen Blick zu erfassen, ohne sie einzeln abzählen zu müssen. Mit "einem Blick" ist wörtlich zu verstehen: die Darbietungszeit ist so kurz, dass man keine Zeit hat, die Anzahl durch Augenbewegungen abzutasten und so zu zählen. Erwachsene können bis zu 4 oder 5 Dinge gleichzeitig erkennen, ohne sie zählen zu müssen. Für ein bis vier Objekte benötigt das Gehirn eine gleich lange Zeit.

Offensichtlich werden im Gehirn die von den Augen gelieferten Bilder unbewusst die Anzahl von Objekten erfasst, ohne dass wir diese bewusst "eins - zwei - drei" abzählen müssen.

Für ein bis vier Objekte benötigt das Gehirn eine gleich lange Zeit. Die Objekte werden also nicht nacheinander abgezählt, sondern simultan (d.h. gleichzeitig) erfasst. Daher nennt man diese spezielle Seh-Fähigkeit die Simultanerfassung.

Für größere Anzahlen benötigt man je mehr Zeit je mehr Reize gezeigt wurden, aber auch bei 8 kann man noch 80% richtige Antworten geben.

Mehr Informationen zur Simultanerfassung finden Sie auf dieser Forschungs-Seite.

Zusammenhang mit Rechenschwäche

In der Mathematik bauen viele Begriffe auf andere grundlegendere Begriffe auf. Wenn man diese Grundlagen nicht verstanden hat, kann man auch alles darauf aufbauende nicht verstehen.

Das beginnt nicht erst bei Aufgaben wie Multiplikation, für die man zuvor die Addition kennen muss. Die Ursache für die Schwierigkeiten liegt häufig schon viel früher, bei Dingen, die den meisten Menschen als selbstverständlich vorkommen, sodass sie sich nicht vorstellen können, dass damit jemand Schwierigkeiten haben könnte: beim Zahlen-Verständnis.

Es besteht der Verdacht, dass diese Kinder den Mengenbegriff bzw. den Zahlensinn nicht richtig entwickelt haben: sie kennen zwar die Ziffern, also die (Seh-)Zeichen für die Zahlen, und die Zahlwörter, also die (akustischen) Namen der Zahlen, aber sie haben keine Vorstellung von den damit verbundenen Mengen, der Bedeutung wieviele Dinge damit verbunden sind.

Pädagogen, die sich mit rechenschwachen Kindern beschäftigt haben, berichten immer wieder von einer Schwierigkeit dieser Kinder: sie können im Gegensatz zu gleichaltrigen anderen Kindern die Anzahl sehr kleiner Mengen von Zeichen, die sie nur kurz gesehen haben, nicht auf einen Blick erfassen.

Es wird vermutet, dass die Simultanerfassung (siehe oben) eine wichtige Voraussetzung ist für die Ausbildung des Mengenbegriffs bzw. Zahlensinns ist und somit indirekt eine wichtige Voraussetzung für das Erlernen des Rechnens. Kindern mit Rechenschwäche fehlt eventuell diese Fähigkeit und es fällt ihnen daher so schwer, die Mengen bzw. die Anzahl von Elementen mit den Ziffern und Zahlwörtern zu verbinden.

Wer Schwierigkeiten hat, die Anzahl einer kleinen Menge von gesehenen Dingen zu benennen (z.B. 4 Äpfel), hat auch Mühe, 4 von 3 und 5 zu unterscheiden und hat daher nicht intuitiv ein Gefühl dafür, dass die richtige Reihenfolge dieser Zahlen 3,4,5 ist und nicht 5,3,4.

Wer sich nichts unter der Menge "zehn" vorstellen kann, kann sie nicht zu einer Zehner-Gruppe zusammenfassen, doch genau das muss man begreifen, um die Bedeutung z.B. der Zahl "42" zu verstehen: das sind 4 Gruppen zu je 10 plus zusätzlich 2 einzelne. Sobald man das verstanden hat, ist automatisch sofort 42+1 nicht mehr 52, sondern 43 und 501-2 ist nicht 301, sondern 499.

Aus diesem Grund werden in der Förderung von rechenschwachen Kindern gerne Hilfen eingesetzt, mit denen die Kinder lernen, die Zahlen als Mengen zu sehen.

Im Blicklabor wurde dieser Gedanke aufgenommen und umgesetzt in einen standardisierten und altersnormierten Test der Simultanerfassung und in ein Trainingsverfahren zur Verbesserung der Simultanerfassung als Grundlage für die Entwicklung des Zahlensinns: Wir haben Mess- und Trainings-Methoden entwickelt, mit denen die Entwicklung der Simultanerfassung gemessen bzw. bei Defiziten trainiert werden kann.

Die Erforschung der Entwicklung der Simultanerfassung zeigt:
  • Die grundlegende Sehfähigkeit der Simultanerfassung macht eine lange Altersentwicklung durch, sie entwickelt sich während des gesamtem Schulalters von Alter 6 bis Alter 18
  • Kinder mit Rechenschwäche machen diese Entwicklung kaum mit; bis zu 80% der rechenschwachen Kinder sind betroffen

Lesen Sie mehr zu diesen und weiteren Forschungsergebnissen auf der Webseite Zählen der Forschungsgruppe Optomotorik.

Simultanerfassung bei Lese-Rechtschreibschwäche

Auch überdurchschnittlich viele legasthenische Kinder haben Schwierigkeiten mit der Simultanwahrnehmung. Das ist erklärlich, wenn man bedenkt, dass mit einer gut funktionierenden Simultanerfassung die Anzahl der Buchstaben eines Wortes sofort richtig erfasst werden kann.

Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass die Blicksprünge, die beim Lesen im Verlauf einer Test-Zeile gemacht werden, in komplizierter, aber bei allen Menschen in gleicher Weise von der Länge der zu lesenden Worte abhängen: Sehr kurze Worte werden nur mit einem Blick in der Nähe der Mitte des Wortes erfasst, ab einer bestimmten Wortlänge werden zwei oder mehr Blicksprünge an verschiedene Stellen innerhalb des Wortes gemacht.

Daher ist anzunehmen, dass eine gut funktionierende Simultanerfassung das Lesen, bzw. das Lesenlernen erleichtert.

Tatsächlich weisen viele Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche eine nicht altersgerecht entwickelte Simultanerfassung auf.

Lesen Sie mehr zu diesen und weiteren Forschungsergebnissen auf der Webseite Zählen der Forschungsgruppe Optomotorik.

Training der Simultanerfassung

Eine nicht altersgerecht entwickelte Simultanerfassung kann durch Training verbessert werden. Kinder, die trainiert haben, profitieren danach auch mehr von Rechenunterricht als Kinder ohne Training.

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