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Der wissenschaftliche Blick hinter Lernprobleme

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Bedeutung der Blicksteuerung beim Lesen und bei Legasthenie

Fovea

Das Auge des Menschen kann nicht im gesamten Gesichtfeld gleich scharf sehen. Es hat in der Mitte der Netzhaut eine kleine Stelle des schärfsten Sehens, die Netzhautgrube („Fovea”). Sie reicht aus, um ein Objekt etwa von der Größe eines Daumen-Nagels im Abstand einer Armlänge scharf zu sehen.

Alle Objekte, die weiter neben der Geradeaus-Richtung sind, können nur unscharf wahrgenommen werden.

Zur Demonstration: Schauen Sie auf ein Wort dieses Textes, und versuchen Sie, das Wort daneben zu lesen, ohne die Augen zu bewegen.

Blicksprünge

Um dennoch das gesamte Gesichtsfeld erfassen zu können, machen wir beim natürlichen Umherschauen drei bis fünf Blicksprünge pro Sekunde, die meisten unbewusst. So werden alle interessanten Dinge nacheinander angeschaut und im Gehirn zu einem Gesamtbild zusammengesetzt. Wir haben das Gefühl, dieses Bild als Ganzes mit den Augen zu sehen, doch in Wahrheit existiert es nur im Gehirn und wird bei Bedarf durch weitere Blicksprünge ergänzt und aktualisiert.

Durch den Sehnerv gehen schnell nacheinander unterschiedliche Bilder von verschiedenen Bereichen, so wie wenn eine Kamera schnell nacheinander auf unterschiedliche Stellen gerichtet wird. Aber unsere Wahrnehmung ist völlig anders, als das Betrachten eine so gedrehten Filmes wäre.

Dieses Abtasten des Gesichtsfeldes mit Blicksprüngen wird während der ersten Lebensjahre erlernt, und erfolgt normalerweise automatisch, d.h. ohne unser bewusstes Dazutun. Dabei kommt es auf einen "Augenblick" mehr oder weniger und auf die Zielgenauigkeit meist nicht sehr genau an. Wenn man allerdings besonders schwierige Aufgabe zu lösen hat, bei der z.B. die Augen etwas sehr kleines sehr genau sehen sollen, so wird eine hohe Anforderung an die Fähigkeit gestellt, die Blickrichtung zu fixieren. Erfordert die Aufgabe dagegen die Suche nach einem bestimmten unter vielen Gegenständen, so sollten wir gelernt haben, unseren Blick rasch von einem Ort zum anderen springen zu lassen.

Blick-Steuerung

Große Teile des Gehirns sind mit unterschiedlichen Aspekten der Verarbeitung des Gesehenen beschäftigt. Mehrere dieser Hirn-Regionen können bei Bedarf Blicksprünge auf neue Blickziele auslösen.

Bekannt sind mindestens drei unterschiedliche Pfade, die in verschiedenen Situationen aktiv werden und die sich in unterschiedlichem Lebensalter entwickeln (siehe Web-Seite Blicken der Forschungsgruppe Optomotorik).

Lesen

Spätestens mit Beginn der Schule wird unsere Seh- und Blickfähigkeit mit einer besonders schweren Aufgabe konfrontiert: wir sollen lesen lernen. Dazu müssen wir nach dem Wiedererkennen der Buchstaben, diese zu Wörtern und diese zu Sätzen zusammensetzen lernen. Sobald ein Wort oder Wörter in einer Zeile nicht mehr gleichzeitig - sozusagen auf einen Blick - erkannt werden können, müssen wir mit Blicksprüngen die Zeile abtasten. Nun kommt es sehr genau darauf an, das Gesehene zu behalten und mit dem als nächstes Gesehenen zusammen zu setzen.

Fehler durch zu große oder zu kleine Blicksprünge, unvollständig gesehene Teile eines Wortes durch zu kurzen Aufenthalt, können fatale Folgen haben. Zum flüssigen Lesen gehört später dazu, dass die Blickabfolge möglichst rasch und automatisch erfolgt. Zu automatisch darf sie aber auch nicht sein, denn bei längeren oder schwierigeren Wörtern muss der Blick länger verweilen: wir müssen die Möglichkeit haben, bewusst und willkürlich in die Blickautomatik einzugreifen.

Die uns so nützlichen Reflexe der Blicksteuerung müssen zwar entwickelt sein und zur Verfügung stehen, aber wir müssen sie auch kontrollieren können. Diese Fähigkeit der willkürlichen Kontrolle wird erst später im Leben entwickelt, gefördert durch steigende Anforderungen.

Entwicklung

Findet diese Entwicklung nicht oder unvollständig statt oder wird sie durch krankhafte Veränderungen in bestimmten Teilen des Gehirns behindert oder rückgängig gemacht, so können schwierige Aufgaben wie das Lesen nicht oder nur erschwert oder unvollständig erlernt werden. Es kann sich das Bild einer Legasthenie entwickeln, deren Ursache in diesem Fall nicht in einer mangelhaften akustischen Sprachverarbeitung liegt, sondern darin, dass die Blicksteuerung nicht perfekt genug funktioniert. Da hilft eventuell kein noch so eifriges Lesenüben, man muss erst seine Blicktüchtigkeit erwerben.

Ob die Blicktüchtigkeit dem Alter entsprechend entwickelt ist und als mitbestimmend für die Legasthenie ausscheidet, kann heute durch einfache Messverfahren geprüft werden. Diese Verfahren verlangen sinnvollerweise keine Leseleistung von der Testperson. Sie muss im ersten Teil des Tests mehrmals von einem Punkt in der Mitte zu einem rechten oder linken Zielpunkt schauen oder eine Reihe von Lichtpunkten mit den Augen abtasten und in einem zweiten Teil in die den Punkten jeweils entgegengesetzte Richtung blicken. In den ersten sehr leichten Aufgaben kann man seinem natürlichen Impuls folgen. Die Reaktionszeiten, die Treffsicherheit und die Zahl der eigentlich überflüssigen Rücksprünge gehen in die Beurteilung der Blicktüchtigkeit ein. In der zweiten schwierigen Aufgabe darf man seinem natürlichen Impuls dagegen nicht folgen: man macht daher eine Reihe von Fehlern, indem man doch zu dem Punkt schaut, ehe man den Blick, sozusagen erst auf einem Umweg, auf die andere Seite bekommt. Die Reaktionszeiten der richtigen und der falschen Blicksprünge sowie die Fehlerhäufigkeiten geben weiteren Aufschluss über die Blicktüchtigkeit. Die Bedeutung dieser Aufgaben ist in dieser Beschreibung der Anti-Sakkaden erläutert.

Entwicklungs-Rückstände

Wir haben diese Verfahren bei etwa 200 Kindern und Jugendlichen im Alter von 8 bis 18 Jahren eingesetzt. Etwa die Hälfte der Testpersonen waren legasthenisch, hatten also eine umschriebene Lese-Rechtschreib-Schwäche. Die anderen erbrachten normale Leseleistungen (Kontrollgruppe). Alle hatten eine normal oder höher entwickelte Intelligenz, gemessen mit einem Verfahren, in dem weder gelesen noch geschrieben werden musste.

Unter den Legasthenikern waren sehr viel mehr Jungen (75%) als Mädchen. Dies spricht für eine erbliche Disposition, die auch mit humangenetischen Methoden in USA z. B. von R. Olson bestätigt ist.

Unsere Daten zeigen, dass die Blicktüchtigkeit und die Lesefertigkeit von gemeinsamen Hirnfunktionen abhängig sind und sich parallel entwickeln. Diese Entwicklungen dauern bis zum 18. Lebensjahr. Bei fehlender oder verzögerter Entwicklung ist es denkbar, diese durch Übung der willentlichen Blicksteuerung zu unterstützen und damit die Voraussetzungen für bessere Leseleistungen zu schaffen. Entsprechende Verfahren werden gegenwärtig entwickelt.

Zunächst ist es wichtig, dass in den Schulen die Möglichkeiten der objektiven Prüfung der Blicktüchtigkeit bei Verdacht auf Legasthenie eingesetzt werden können. Dazu wurde ein einfach zu bedienendes, transportables Prüfgerät entwickelt, das die neuen Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Leseleistung und Blicksteuerung berücksichtigt.

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